Die geplanten vier Tage Skihochtouren im Claridengebiet mussten leider den Wetterprognosen geopfert werden. Der Freitag versprach Kaiserwetter, der Samstag hingegen eher Weltuntergangsstimmung. Also entschieden sich Christian und Johanna pragmatisch: Wenn schon kein Viertageprojekt, dann wenigstens eine knackige Eintagestour.
Für mich war das natürlich die Gelegenheit, mich unauffällig ins Team zu schmuggeln.
Eine der Ideen: der majestätische Grosser Drusenturm, Start um 05:45 Uhr in St. Antönien. Doch der verantwortungsvolle Tourenleiter Christian wollte zuerst noch das Lawinenbulletin von 17:00 Uhr abwarten – vermutlich auch, um zu prüfen, ob seine Teilnehmer wirklich so früh aufstehen können.
Währenddessen begann bereits eine erstaunlich dynamische Logistikphase.
Ich plante, mit meinem Büssli vor Ort zu übernachten – strategisch klug, denn das bringt morgens wertvolle Minuten Schlaf.
Duri fand diese Idee so gut, dass er sich gleich ein Bett im Haus Türli reservierte. Nebenbei bemerkt: ein absoluter Geheimtipp für günstiges Übernachten – im Haus, vor dem Haus (Büssli) – inklusive sensationellem Frühstücksbuffet.
Johanna sprang ebenfalls auf den Zug auf und reservierte sich ein Zimmer.
Nicole, Jörg, Marius und Christian entschieden sich dagegen für die klassische Variante: morgens fahren und hoffen, dass der Kaffee wirkt.
Pünktlich um 05:45 Uhr rollte Marius auf den Parkplatz – wir standen bereits mit voller Ausrüstung bereit. Christian im zweiten Auto hingegen traf mit fünf Minuten Verspätung ein. Schuld war ein ungeplanter Boxenstopp bei einer Raststätte. Man munkelt, es sei ein taktischer Espresso gewesen.
Jedenfalls lag sofort ein Hauch von Zeitdruck in der Luft.
Wir starteten locker – vielleicht etwas zu locker. Nach etwa einer Stunde zeigten die Uhren bereits 500 Höhenmeter an. Selbst Christian meinte irgendwann vorsichtig:
„Ähm… wir sind wohl ein bisschen schnell unterwegs.“
Nach gut zwei Stunden standen wir neben der Carschinahütte. Von hier aus sahen wir unser Ziel: den gewaltigen Grosser Drusenturm. Ein beeindruckender Berg – besonders wenn man weiss, dass man noch ganz hinauf muss.
Durch ein von Rinnen durchzogenes Gelände fand Christian eine elegante Linie bis zum Drusator auf 2341 Metern – der Grenze zu Österreich.
Hier mussten die Skier zum ersten Mal runter. Der Weg führte steil durch ein schmales Couloir bis unter die Felsen. An der Zollhütte vorbei fuhren wir um das Tri-Turm-Massiv Richtung Sporaturm. Dann wieder Felle drauf.
Abgesehen von einem einzelnen Tourengänger vor uns hatten wir diese traumhaft verschneite Landschaft praktisch für uns allein.
Vor dem Sporaturm berieten sich Christian und Johanna. Die ursprünglich geplante Route war sehr steil und ziemlich ausgesetzt. Die Alternative: ohne Ski, mit Steigeisen durch ein Felscouloir und über Metallbügel hochkraxeln. Klang nach Abenteuer – also machten wir das.
Oben angekommen wartete ein wunderschöner verschneiter Hang. Allerdings hatte der vor uns marschierende Tourengänger eine Spur gelegt, die vermuten lässt, er wolle einen neuen Zeit- Rekord aufstellen.
Trotz Harscheisen war schnell klar: Zwei Schritte hoch – einer wieder runter. Unter der hübschen Schneedecke versteckte sich eine rutschige, kompakte Oberfläche, die unsere Skier regelmässig wieder talwärts schicken wollte.
Für Jörg war dieses Rutschfestival irgendwann genug. Er entschied sich klug, in einer sonnigen, windstillen Lücke zu warten und die letzten 100 Höhenmeter zu ignorieren – ein taktischer Rückzug.
Nach sportlichen fünf Stunden standen wir schliesslich auf dem Gipfel des Grosser Drusenturm auf 2830 Metern. Trotz Wind waren wir überwältigt von der fantastischen Rundumsicht. Seele baumeln lassen, kurz stolz sein, Fotos machen.
Da der Wind zunehmend unangenehm wurde, zogen wir bald die ersten Schwünge in den Schnee und trafen uns wieder mit Jörg im Sattel. Dort stärkten wir uns mit Rigel und Sandwiches – der klassische Treibstoff des Skitourengehers.
Dann kam Johanna mit einem Satz, der später noch Folgen haben sollte:
„Ich hätte da noch eine Idee für eine tolle Abfahrt. Wir haben ja noch genügend Zeit.“
Die spontane Antwort aus der Gruppe:
„Warum sind wir dann eigentlich um diese unchristliche Zeit gestartet?!“
Die ersten Schwünge im mühsamen Aufstiegshang waren überraschend gut – und liessen uns kurz vergessen, was wir bereits in den Beinen hatten.
Also wurde abgestimmt: Zusatzrunde ja oder nein?
Innerlich: Hmm… vielleicht lieber nicht.
Nach aussen: Klar! Super Idee!
Man muss sagen: Der obere Teil dieser Zusatzabfahrt war schlicht sensationell.
Der kleine Haken: Um das Felsmassiv zu umrunden, mussten wir bis auf 1822 Meter hinunterfahren.
Und in unseren Köpfen wurde langsam klar:
Wir müssen wieder auf 2341 Meter hoch, um zurück in die Schweiz zu kommen.
Die Stimmung wurde daraufhin… sagen wir… etwas konzentrierter. Gespräche wurden weniger – sicher nicht wegen fehlendem Gesprächsstoff.
Also wieder hoch, durch die Lücke – und ab der Schweizer Grenze durften wir dank der perfekten Spur unserer Leiter sogar auf das erneute Anfellen verzichten.
Unsere Uhren waren sich am Ende nicht ganz einig. Nach diplomatischen Verhandlungen einigten wir uns auf etwa 2150 Höhenmeter.
Nicht schlecht für eine „kleine Eintagestour“.
Trotz der schwierigen Bedingungen im Schlussaufstieg war das Zeitfenster perfekt – der Grosser Drusenturm lässt sich nicht oft besteigen.
Am Ende blieben:
leere Beine, zwei Parkbussen, für jeden ein saftiges Stück Kuchen, viele starke Eindrücke – und persönliche Höhenmeterrekorde.
Kurz gesagt: eine Tour, die definitiv in Erinnerung bleibt.
Lieber Christian und liebe Johanna – vielen Dank für die hervorragende Führung und diesen unvergesslichen Tag! ⛷️


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